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Eine Lebensgeschichte zwischen Chemie und Unternehmertum


Kunstharzbeschichtungen sind nicht gerade ein Produkt, für das der Thurgau bekannt ist. Trotzdem ist das Steinebrunner Unternehmen Radix AG seit Ende der 1950er-Jahre damit erfolgreich. In seiner fast 100-jährigen Geschichte hat das Unternehmen diverse Veränderungen erlebt, über die der ehemalige Geschäftsführer Christian Schellenberg viel zu erzählen weiss.

Schellenberg1Der ehemalige Geschäftsleiter der Radix AG, Christian Schellenberg, in seiner Wohnung. Foto: Janik Schmid und Lauro Carisch.

«Ich war eine In-House-Geburt», lacht Christian Schellenberg. Sein Leben und die Geschichte des Familienunternehmens Radix sind fest miteinander verwoben. Der mittlerweile 90-Jährige kam in einem Wohnhaus auf dem Firmengelände zur Welt – an einem Ort, den er während seines ganzen Lebens mitgeprägt hat.

Sein Vater arbeite ab 1929 als Angestellter in der Produktion bei der Radix AG, als Aktionär war er zudem Mitglied im Verwaltungsrat der Firma. Zu diesem Zeitpunkt stellte das Unternehmen überwiegend pharmazeutische Produkte her. «Das waren diese Hausmitteli, die man aus der Natur gewann. Damals gab es im Vergleich zu heute noch kaum eine Marktaufsicht für Pharmaprodukte», erläutert Schellenberg. Sein Vater war Chemiker und dadurch genau der Mann, der für den Job gebraucht wurde: Er kannte sich aus mit Rezepturen und Herstellungsweisen.

Von klein auf mit dabei

Einige Jahre nach Schellenbergs Geburt entwickelte sein Vater Innenauskleidungen für Gär- und Lagertanks von Mostereien und Brauereien, für die es in der Region eine grosse Nachfrage gab. Obwohl sich Christian Schellenberg nach seinem Schulabschluss zunächst für Kunstgeschichte interessiert hatte, entschied er sich für ein Studium am Winterthurer Technikum. Wie der Vater wurde auch er Chemiker.

Schellenberg3Das Technikum in Winterthur, an dem Christian Schellenberg 1958 sein Chemie-Studium abgeschlossen hat. Foto: Janik Schmid und Lauro Carisch.

Internationaler Werdegang

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums im Jahre 1958 durchlief Schellenberg in seiner beruflichen Laufbahn verschiedene Stationen. So arbeitete er im anwendungstechnischen Labor für Kunststoffe der Firma Lonza in Basel und war später als Betriebschemiker für die Alusuisse in Frankreich und Italien tätig.
Mit seiner international gesammelten Berufserfahrung kehrte Schellenberg zurück in den Thurgau, in den familieneigenen Betrieb. «Die Radix brauchte Chemiker, die waren wichtig.» Vor allem für die Kunden, führt Schellenberg aus: «Chemiker hatten einen guten Ruf – sie wissen normalerweise, was sie tun.» Auch ihm selbst hat das Renommee als Chemiker im Kundenkontakt geholfen. Nebst seiner fachlichen Expertise half Schellenberg auch im Administrationsbereich und bei Verkaufstätigkeiten aus. Schnell wurde er zum unverzichtbaren Mitglied des Unternehmens.

Beschichtungen sind regional, aber auch international gefragt

«Bei all den Mostereien im Thurgau brauchte es viele Beschichtungen. Damals hatten viele Höfe noch eine eigene Mosterei. Auch gab es wesentlich mehr Brauereien als heute.» Die ganze Most- und Bierindustrie sei damals bedeutend kleinteiliger gewesen, sagt Christian Schellenberg. Statistiken lassen vermuten, dass die Zahl der Feldobstbäume in der Region in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit über die Million hinausschoss. Erst ab 1951 begann sich diese Zahl stetig zu verringern. Kein Wunder, dass die Getränkeindustrie, zu welcher die Mostereien und Brauereien gehören, damals ungefähr einen Zehntel der Thurgauer Bevölkerung beschäftigte. Für einen Beschichtungshersteller wie Radix lag die Kundenbasis damit direkt vor der Haustür. Die Mostereien in Gachnang, Scherzingen, Märstetten, Egnach, Horn, Bischofszell und Märwil – sie alle gehörten zum Kundenstamm von Christian Schellenberg.

«Mein Vater hatte einige Rezepturen selbst erfunden, es gab eine Auswahl.»

«Wollte eine Mosterei eine neue Innenauskleidung für ihren Tank, mussten wir uns zuerst auf einen Preis einigen», erzählt Schellenberg. «Dazu brauchte es eine Offerte. Die Informationen dazu beschaffte sich einer unserer Aussendienstmitarbeiter an Ort und Stelle, indem er zuerst einmal den Tank besichtigte und die Fläche einschätzte. Wir Chemiker hatten währenddessen mit dem Kunden über die Art der Beschichtung gesprochen. Mein Vater hatte einige Rezepturen selbst erfunden, es gab eine Auswahl.» Im betriebseigenen Labor wurden die Beschichtungssysteme entwickelt, wobei es die Gesetzgebung für die Innenauskleidung von Gär- und Lagerbehältern einzuhalten galt. Danach wurden die Beschichtungen an einem ausgemachten Termin aufgetragen. «Dazu musste der Kunde alle Tanks leeren und seine eigene Produktion im Normalfall ganz einstellen. Zeitweise haben wir Arbeiter vom Kunden übernommen, da diese ja sonst währenddessen ohne Arbeit dagestanden wären.» Dies geschah vor allem im Ausland, in Niedriglohnländern, wo Auftraggeber Hilfskräfte zur Verfügung stellten, um die Kosten zu senken. Die Radix machte sich einen guten Namen mit den Beschichtungen. Vermittelt über Messen im Ausland bekam sie Aufträge aus aller Welt – sogar in Korea kamen die Beschichtungen der Radix gut an.

Schellenberg4Ein Beschichtungsmonteur trägt eine Beschichtung der heutigen Radix AG auf. Foto: radixag.ch.

Ein Führungswechsel, viele Veränderungen

Anfangs der 1970er-Jahre löste Christian Schellenberg seinen Vater in der Geschäftsführung ab. Zu dieser Zeit veränderte sich der Markt immer mehr: Mostereien verschwanden nach und nach oder wurden aufgekauft, die Wirtschaft wurde mehr und mehr bürokratisiert. «Ich musste die Pharma-Produktion endgültig liquidieren, da die behördlichen Auflagen immer strenger wurden.» Auch bei der Art zu Geschäften gab es starke Änderungen: «Früher, als ich in den Beruf einstieg, haben wir alles auf Handschlag gemacht. Erst als die Studierten aus St. Gallen kamen, da hat es angefangen: Richterklausel, zehnseitiger Vertrag, und so weiter.»

Schellenberg5Das Chemielager der heutigen Radix AG – eigene Rezepturen waren schon in Schellenbergs Zeiten Kernbestandteil des Unternehmens. Foto: radixag.ch.

Um die Nachfolge zu regeln, wurde die Radix 1999 verkauft. Unter folgenden Bedingungen: Beim Käufer musste es sich um eine Schweizer Firma handeln, der Standort Steinebrunn sowie die Arbeitsplätze mussten erhalten bleiben. Auch nach dem Verkauf werden so die Tradition und der Ruf des Unternehmens wohl auch in Zukunft fortbestehen. Die Geschichte von Christian Schellenberg ist ein Beispiel für den Thurgauer Unternehmergeist und die Innovationskraft, die das Unternehmen über Jahrzehnte hinweg zu dem geformt haben, was es heute ist – eine erfolgreiche Firma in bald 100-jähriger Tradition. Schellenberg hat mit seinem Engagement massgeblich zu diesem Erfolg beigetragen.

Lauro Carisch und Janik Schmid
Produktion im Rahmen eines Seminars am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW. © IAM / Historisches Museum Thurgau, 2024

Quellenverzeichnis